| Kapitel 3
Die hohe Kunst des Mühelosen
Zu allen Zeiten haben Machthaber in Politik und Wirtschaft Faulenzer
als potenzielle
Unruhestifter verteufelt. Warum eigentlich? Die Natur verurteilt weder
langsam wachsende Bäume, noch Gras, Schnecken oder die Wolken,
die gemächlich am Himmel schweben.
AUS CRITICAL PATH VON BUCKMINSTER FULLER,
AMERIKANISCHER INGENIEUR (1895-1983) UND ERFINDER DER GEODÄTISCHEN
KUPPEL
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alle edlen Künste kennt auch die Kunst des Müßiggangs
ihre Stufen der Meisterschaft. Für den Lehrling der Muße
ist das pure Vermeiden von Arbeit schon genüssliche Selbstbelohnung.
Ja, dieses bloße Faulenzen hat seinen eigenen Wert. Es sollte
unterstützt und gefördert werden, denn jegliche Neigung zum
Nichtstun, so auch dieses zarte Pflänzchen, ist ein Geschenk des
Himmels.
Am anderen Ende des Spektrums stehen die eigentlichen Meister unserer
hohen Kunst. Sie haben es geschafft, die unermessliche Kraft des geringsten
Aufwands zu ihrem größten Vergnügen einzusetzen. Diese
Träger des schwarzen Gürtels in feinster Faulenzerei kommen
.
nicht nur in den Genuss des Nicht-Arbeitens. Sie können damit auch
Großes erreichen und ihre Geldspeicher mit imposanten Vermögen
füllen Leider gibt es für Fachfaulenzen noch keinen anerkannten
Abschluss. Und doch ist es allein dieses Handwerk, dem die Gesellschaft
jeglichen Fortschritt verdankt.
Vielerorts wird die Kunst des Müßiggangs immer noch gern
als Charakterschwäche gebrandmarkt. Sie sei, so wird stur nachgeplappert,
der Anfang allen Lasters. So müssen sich diejenigen, die sich in
dieser edlen Disziplin üben, auch noch dumme Kommentare gefallen
lassen.
„Wenn du es im Leben zu etwas bringen willst, musst du dich anstrengen“,
oder „Ich arbeite 16 Stunden am Tag!“, so protzen die typischen Vertreter
dieser verkorksten (Ab-)Lebensphilosophie.
Oh mein Gott; womit haben wir das verdient?
Ich will mich deutlich ausdrücken. Im Prinzip spricht nichts gegen
berstunden und harte Arbeit – wenn Sie bereit sind, Ihre Gesundheit,
Ihr Familienleben und Ihr geistiges Wachstum dafür zu opfern und
im Schneckentempo über die Straße des Erfolgs zu zuckeln.
In dem Fall mag harte Arbeit ihren eigenen, mir unverständlichen
Reiz besitzen.
Sollten Sie dagegen ein Leben anpeilen, bei dem Ihnen eine Schar von
Investment-Bankern Champagner und Kaviar ans Bett trägt, dann müssen
Sie anders vorgehen. Dann müssen Sie den 16-Stunden-Tag durch eine
neue Zeitrechnung ersetzen und die Eins-Plus-Eins-Plus-Eins-Mentalität
der herkömmlichen Arbeitsmoral durch eine höhere Mathematik.
Ich gebe zu: Wenn man eine Sache in einer Stunde erreicht, kann man
in zwei Stunden zwei Sachen erreichen. Und wenn Sie sich auf diese Weise
16 Stunden abrackern, schaffen Sie 16 Sachen. Na, großartig. Gruß
an Ihren Mathematiklehrer.
Aber was ist, wenn Sie eine Million Sachen erreichen wollen? Dann brauchen
Sie wirklich eine andere Algebra.
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